Als ich 1915 in Dresden geboren wurde, war mein Vater schon als Offizier gleich zu Beginn des 1.Weldkriegs gefallen. Ich habe ihn also nie kennengelernt und er wusste nichts von meiner Existenz. Ich hatte zwar einen etwas älteren Bruder, aber er hatte sich immer auch eine Tochter gewünscht Wahrscheinlich bin ich ihm sehr ähnlich, denn als preussischer Offizier hat er wohl viele Eigenschaften besessen, die auch Teil meines Wesens ausmachen: Einfache Lebensweise, Zuverlässigkeit und Disziplin. Von meiner Mutter erbte ich Lebenslust und Aufgeschlossenheit allem Neuen gegenüber. Auf mich passt wohl irgendwie das Goethewort:
"Vom Vater hab ich die Statur
des Lebens ernstes Führen
vom Mütterchen die Frohnatur
und Lust zu fabulieren."
Meine Mutter ist als junge Witwe mit den zwei Kindern zu ihrem Vater nach Dresden gezogen, da der Grossvater sehr wohlhabend war und sie sonst von der kleinen Pension nicht hätte leben können. Wir haben in dem grossen Haus in der Parkstrasse – es wurde beim Bombenangriff im Februar 1945 völlig zerstört – eine sehr schöne Kindheit verbracht, mein Bruder Herbert und ich, wir haben uns oft in einem der 40 Zimmer versteckt, wenn wir keine Lust hatten, in die Schule zu gehen. Nach dem grossen Börsenkrach 1929 konnten wir das Haus nicht mehr halten, obwohl meine Mutter versucht hatte, durch Untervermietung, z. B. an die weltberühmte Tanzlehrerin Mary Wigman, Geld zu erwirtschaften. Nach dem Tode meines Grossvaters wurde das Haus also verkauft, und wir sind nach München umgezogen. Das war für mich schwierig, denn irgendwie bin ich in München nie ganz heimisch geworden. Deswegen war ich wohl auch so rebellisch in der Schule und bin aus der ersten Schule geflogen, und aus der zweiten war man gerade dabei, mich hinauszuwerfen. Als ich 14 Jahre alt war, machte ich Skiferien mit Onkel Ernst im Allgäu. Er kannte zwar die Internatsschule Salem nicht persönlich, aber er war ein sehr guter Pädagoge. 'Versuch’s doch mal dort,' sagte er. Also bin ich vom Skifahren direkt dort aufgetaucht und sagte: "Ich will hier zur Schule gehen." Bis zum Abschluß der Schulzeit war ich dann das Mädchen, das sich selbst angemeldet hatte. Wie schon erwähnt, war meine Mutter jung und lebenslustig und liess uns Kindern viel Freiheit. Es war ihr wichtig, daß wir Sport trieben und viel an der frischen Luft waren. Schule war ihr ziemlich gleichgültig. Sie sagte deshalb: „Wenn du nach Salem willst, bitte, warum nicht." Also fuhr ich nach den Osterferien allein hin und war vom ersten Tag an begeistert. Es war einfach so, als ob ich schon immer dorthin gehört hätte.
Die Schule Schloss Salem war nach dem 1. Weltkrieg gegründet worden, um der deutschen Jugend eine Neuorientierung zu bieten und feste Werte wie Aufrichtigkeit, Anstand, Ehrlichkeit, Eigenverantwortung und Loyalität in den jungen Menschen zu festigen, immer mit Blickrichtung auf die Gemeinschaft. Bei meiner Aufnahme spielte sicher eine Rolle, dass ich Kriegswaise war und diese Schule den Vater irgendwie zu ersetzen versuchte.
Dr. Kurt Hahn, den Begründer der Schule Salem, habe ich 1930/31 kennengelernt. Getreu seinem Motto: "Es steckt mehr in Dir als Du glaubst!" versuchte er mit dieser neuen Pädagogik der deutschen Nachkriegsjugend Selbstvertrauen und Halt zu geben. Ich verehrte ihn sehr, aber er hat mich wohl nie so richtig wahrgenommen. Er mochte mehr Mädchen, die ein gutes Beispiel für Jungen waren, und das war ich nicht. Aber das hat meiner Liebe zu Salem oder zu ihm nie Abbruch getan. Er mußte 1933 weg, denn Kurt Hahn war Jude, er emigrierte nach England und gründete dort die United World Colleges und Outward Bound, die auch heute noch junge Menschen in ihren Bann ziehen. Für Salem kam jetzt die ganz schwierige Zeit. Unter dem Einfluß von Rudolf Hess durfte die Schule zwar bestehen bleiben, aber 1934 mußten die jüdischen Schüler die Schule verlassen; so auch Wolf Günter und ein tschechischer Jude aus meiner Klasse. Es wurde ihnen gesagt, sie könnten hier noch das Abitur machen, aber sie dürften keine Verbindung mehr zum Internat haben. Mich hat das so empört, dass ich beschloss, aus Protest mit auszuziehen, und wir haben dann zu dritt im Dorf gewohnt. Deswegen bekam ich auch den Spitznamen "Edelnichtarierin" Unser neuer Leiter Erich Meissner gab uns folgende Maxime mit: "Jeder prüfe sich selbst und das eigene Gewissen. Es gibt keine Instanz, die über dem Gewissen steht." In langen Gesprächen überzeugte er mich von einer kompromisslosen, aber nicht offenen Bekämpfung des Nationalsozialismus. Sein Nachfolger Blendinger setzte die antifaschistische Tradition fort und hat durchgesetzt, daß die beiden Jungen wieder ins Internat zurückkehren konnten. Wir haben dann zusammen das Abitur gemacht. Tragischerweise sind alle jungen Männer meines Jahrgangs im 2. Weltkrieg gefallen, nur die beiden jüdischen Mitschüler haben überlebt.
Die Nazis hatten eine neue Einrichtung geschaffen, den sog. Arbeitsdienst, wo alle jungen Menschen z.B. auf einem Bauernhof oder in einer kinderreichen Familie unentgeltlich mithelfen sollten. Eine neue Bestimmung sagte, daß Abiturienten, die studieren wollten, nur drei Monate bleiben müßten und nicht ein halbes Jahr; Beinahe hätte ich den Arbeitsdienst mit Schimpf und Schande verlassen müssen, weil nach einem Vierteljahr es zum Eklat kam. Ich hatte zwar pflichtgemäß gearbeitet, aber darüberhinaus nicht am Gemeinschaftsleben teilgenommen- z. B. an den erzwungenen Tanzabenden -, denn ich war der Meinung:" Ich bin hier zur Arbeit, mein Vergnügen ist meine Sache." Und blieb einfach stur am Tisch sitzen. An sich aber bin ich froh über die Erfahrungen im Arbeitsdienst, vor allem über die Begegnungen mit Menschen aus einer ganz anderen sozialen Schicht als der, die mir von Salem her vertraut war. Nach dem Arbeitsdienst habe ich an der Universität Heidelberg mit dem Dolmetscherstudium angefangen. Naiv wie ich war, dachte ich, daß einem dadurch der Weg ins Ausland geöffnet werden würde. 1935/36 war ich ein Semester in Manchester und ging dann nach Berlin, habe dort weiter studiert, um ein Staatsexamen abzulegen. Meine Fächer waren Englisch, Deutsch, Geschichte und als Zusatzfach Kunstgeschichte.
Im Herbst 1939 arbeitete ich neben dem Studium nachts im Auswärtigen Amt, um Geld zu verdienen. Da mußten wir die internationalen Radiosendungen abhören, es war ja schon Krieg. Wie primitiv das war! Da saßen wir, ein Pole, ein Rumäne, eine Russin und ich und wir schrieben alles mit, was wir im Radio über Deutschland und die Welt hörten. Davon wurden Matritzen angefertigt und an alle Abteilungen im Auswärtigen Amt verteilt. Das waren dann die offiziellen Unterlagen, mit denen Politik gemacht wurde. Unvorstellbar dilettantisch! Und ich konnte nicht einmal Steno!
Eines Tages – es war 1940- hieß es dann: Einsparungen: es gab nämlich zwei solche Stellen – eine im Propagandaministerium und eine im Auswärtigen Amt. Natürlich wurde die Stelle im Auswärtigen Amt geschlossen, und wir wurden Goebbels angeschlossen. Goebbels kam und hielt eine große Rede.
Zum ersten Mal bekamen wir hier von offizieller Seite zu hören, daß dieser Krieg nicht etwa Deutschland aufgezwungen, sondern mit voller Absicht genau zu diesem Zeitpunkt von Hitler und Mussolini geplant worden war. Sich auf Nietzsche beziehend, sagte Goebbels auch: 'Überall die Feuerchen anzünden, die Welt in Brand setzen, das ist das Element, in dem wir leben.' Und er fügte hinzu: 'Wenn die Sache schief geht, bin ich der erste, der sich mit seiner ganzen Familie umbringt.'
Wir Sprachstudenten standen da wie erstarrt und wurden noch verpflichtet, nichts von dem Gehörten nach draußen dringen zu lassen.
Natürlich hielt sich niemand an dieses Verbot. Ich wohnte damals bei einer Jüdin, der Gründerin des Pestalozzi-Froebel-Heims, Nana von Gierke, zu der ich auch die abgehörten Radiosendungen durchschmuggelte. Nana von Gierke war eine großartige, unerschrockene Frau. Auf ihre Bitte suchte ich im Auswärtigen Amt nach ledigen Amerikanern, die kurz vor der Rückreise nach Amerika standen und gewillt waren, junge Jüdinnen pro forma zu heiraten, mitzunehmen, und so vor der Vernichtung zu retten. Dieses Unternehmen ist mehrfach geglückt, später erfuhr ich sogar, dass einige dieser gestifteten Verbindungen in eine echte Gemeinschaft und glückliche Ehen mündeten. Der Kriegseintritt Amerikas beendete dann diese Aktionen.
Der endgültigen Übernahme ins Propagandaministerium konnte ich zum Glück entgehen. Ich hatte gerade das Staatsexamen gemacht und dachte: Irgendwie mußt du jetzt hier rauskommen. Meine Abenteuerlust kam mir da zu Hilfe. Ich wollte unbedingt nach Spanien und ließ mir von meinem Englisch-Professor ein Thema für eine Doktorarbeit geben: 'Der englische Einfluß auf das spanische Geistesleben.' Das Thema war absurd, ermöglichte mir aber tatsächlich nach Spanien zu kommen! Ich erhielt eine Ausreisegenehmigung, die damals niemand bekam, es sei denn, er hätte einen politischen Auftrag im Ausland zu erfüllen. Irgendwie bin ich durchgerutscht. In einer perfekt geölten Maschinerie passiert ja auch mal so was. Ich hatte doch gar keinen Grund zu fahren – und noch dazu mit diesem völlig unsinnigen Thema. Ich konnte aber reisen, nur Geld hatte ich keines. Da bin ich mit Hilfe meines Professors zu dem Ibero-Deutschen Institut in Berlin gegangen. Dort bekam ich die Summe von 50 Reichsmark in Peseten. Damit bin ich also lossgezogen, mit einem Umweg über Paris – was ja mitten im Krieg für Zivilpersonen verboten war. Von Paris ging es weiter nach Marseille, wo ich die Adresse des deutschen Generalkonsuls, bei dem eine Freundin Sekretärin war, hatte. Ich dachte, der wird mir schon helfen, weiter nach Spanien zu kommen. Im besetzten Südfrankreich, in Biarritz, wurde der Zug aufgehalten; ich mußte mich auf der Kommandantur melden und dachte: Jetzt schicken sie dich bestimmt zurück. Aber da passierte wieder etwas Verrücktes: In dem Ort lag eine Kompanie aus Bautzen – es war die Kompanie meines 1914 gefallenen Vaters. Seine ehemaligen Kameraden, die mich hier in Biarritz kontrollierten, haben den Namen Wuttig gelesen, mich riesig gefeiert und am nächsten Morgen mit Eskorte nach Marseille gebracht.
Der Genaralkonsul von Marseille mußte zu dieser Zeit einen Staatsbesuch in Barcelona machen und nahm mich einfach im Auto über die Grenze mit. Er lud mich auf dem Paseo de Gracia mit meinen zwei Koffern aus und ich begab mich auf Zimmersuche.Zunächst wohnte ich bei einer Deutschen, auf Pump, denn ich hatte ja nichts ausser den 50 Reichsmark in Peseten
Eigenartigerweise wurde ich viel eingeladen. Ich habe mich immer darüber gewundert, aber erst später erfahren, wieso ich zu all diesen offiziellen Veranstaltungen gebeten wurde. Man dachte wohl, da kann doch etwas nicht stimmen: Da kommt eine Studentin aus Berlin mitten im Krieg mit so einem unsinnigen Thema; das ist doch ein Vorwand. Sie ist sicher auf irgendeiner geheimen Mission. Und da die einzelnen deutschen Stellen sich gegenseitig mißtrauten und bewachten, wollten sie sich alle mit mir gut stellen, weil sie nicht wußten, aus welcher Ecke ich kam. Und ich – nichtsahnend – freute mich über die vielen interessanten Kontakte und die Festessen.
Ich habe mich also einige Zeit so durchgeschlagen und dabei Spanisch gelernt. Dann kam die Katastrophe von Stalingrad. Es wurden alle Männer, die in Barcelona offizielle Posten hatten, aber entbehrlich waren, eingezogen. Das war meine Chance. Ich wurde Mitarbeiterin im Goethe-Institut, das damals Kulturinstitut hieß. Dort habe ich die restlichen Kriegsjahre verbracht. Ich habe in der Bibliothek gearbeitet, und Kunstvorträge gehalten. Für die Doktorarbeit hatte ich gar keine Zeit mehr, ich mußte ja für meinen Unterhalt sorgen. Und außerdem war es doch so ein unsinniges Thema. Mit einer Doktorarbeit ist es dann auch später nichts mehr geworden, was ich manchmal bedauert habe.
Auch nach Kriegsende bin ich in Spanien geblieben – neunzehn Jahre lang. 1945 wurde das Kulturinstitut geschlossen. Aber ich hatte kurz davor wieder Glück gehabt. Weil im Reich ja alle mal raus wollten, hatten sie in Berlin eine Wanderausstellung für Spanien zusammengestellt: 'Deutsche Kunst im 19. und 20. Jahrhundert.' Es gab eine große Eröffnung in Madrid, dann flogen die Veranstalter nach Berlin zurück und wollten in drei Wochen wiederkommen für die Tournee durch Spanien. Sie sind aber nie wieder erschienen. Was sollte nun geschehen mit all diesen Originalen aus den großen Museen in Berlin: Corinth, Liebermann, etc.? Ich war in Berlin mit dem früheren Direktor der National-Galerie befreundet gewesen. Der telefonierte nach Madrid und sagte: 'Ihr habt doch die Wuttig, die könntet ihr ja einsetzen.'
Also habe ich einen Vortrag vorbereitet und bin mit 30 Kisten voller Bilder durch Spanien gefahren. Das war phantastisch, weil ich Spanien so gut kennenlernte und auch Tagegelder bekam, zusätzlich zum Gehalt. Und so konnte ich gut für das Kriegsende horten. Anfang Mai 1945 waren wir in Valencia. Der Krieg ging zu Ende, und der spanische Direktor vom dortigen Museum sagte: 'Nun seien Sie doch nicht dumm, wir verstecken die Bilder. ich habe hier ein Museum, das ich seit dem Bürgerkrieg nicht mehr eröffnet habe, und da können Sie alles verstecken und haben immer ein Kapital, mit dem Sie Ausstellungen machen können.'
Ich habe nach Madrid telefoniert an die Botschaft, was ich nun mit den Bildern machen solle. 'Sie setzen sich sofort in einen Lastwagen und kommen her', hieß es . Da habe ich die Kisten gepackt und war – (bei den damaligen Straßenverhältnissen!) – drei Tage unterwegs. Als ich in Madrid um die Botschaftsecke bog, wurde ich schon von den Amerikanern empfangen. Die hatten die gesamten Kultureinrichtungen in Spanien übernommen. Sie waren sehr höflich und sagten, ich solle die Kisten dalassen und nach Barcelona fahren. Als ich nach Barcelona kam, war auch das Kulturinstitut inzwischen von Amerikanern besetzt und mein Zimmer ausgeräumt. ich habe nie etwas von meinen Sachen wiedergesehen.
Als die Bibliothek von den Amerikanern übernommen wurde, fehlte schon einiges. Ein Sekretär der amerikanischen Botschaft kam mich holen; ich hatte ein schlechtes Gefühl und dachte, die werden mich bestimmt nach dem Inventar fragen. Das war dann aber gar nicht der Fall, sondern ein sehr freundlicher amerikanischer Konsul sagte mir, ich sei von einem deutschen Emigranten aus Madrid empfohlen worden, um in Barcelona die deutschen Bibliotheken des Kulturinstituts, der Deutschen Schule und des Deutschen Hauses zu entnazifizieren. Also saß ich ab dem nächsten Morgen im geschlossenen Deutschen Haus, entnazifizierte Bücher und bezog ein schönes Gehalt.
Aber dann wurde ich gekündigt, weil ich in meinem Schreibtisch ein Buch hatte, das in die Bibliothek gehörte. Man wollte wohl einen Vorwand finden, mich loszuwerden, brach den Schreibtisch auf und da lag Lottchen Gebert, ein Roman über eine jüdische Familie in Berlin. Eines Abends sollte ich mal dieses Buch zu Bekannten mitbringen und hatte dann vergessen, es zurückzustellen. Sofort hieß es, daß ich mir unerlaubt Bücher mitgenommen hätte.
Ich flog also raus und saß wieder ohne Geld auf der Straße. Das war im Winter 1945/46. Wir Deutsche hatten keine Pässe, man hatte sie uns abgenommen, und konnten also auch nicht nach Deutschland zurück. Deshalb mußten ich mir etwas suchen, um leben zu können.
Ich hatte Freunde auf den Balearen. Dort haben wir Werkstätten eingerichtet – zur Verarbeitung von Wolle. Auf Formentera spannen sie die Wolle und auf Ibiza wurde sie dann verstrickt – zu schönen warmen Sachen, die ich über den deutschen Pfarrer in Barcelona an die Caritas nach Deutschland verkaufte. Damit habe ich eine Zeitlang mein Leben gefristet.
Um diese Zeit kam auch das erste Mal nach dem Krieg wieder ein deutscher Musiker nach Barcelona – Georg Kulenkampff, damals ein berühmter Geiger. Alle Deutschen wollten doch endlich wieder einmal raus aus Deutschland, ins Ausland. Französische Agenten vermittelten die Künstler, aber zu entwürdigenden Bedingungen: Sie bekamen kein Honorar. Also hat Kulenkampff zu mir gesagt: 'Sie waren doch im Kulturinstitut, machen Sie doch eine Agentur auf für die Betreuung deutscher Musiker.' Und das habe ich dann auch gemacht, zuerst in Zusammenarbeit mit einem deutschen Konzertveranstalter in Frankfurt am Main, – ich hatte doch keine Ahnung von diesem Geschäft. Aber bald war die Agentur in Barcelona so erfolgreich, daß ich mich damit selbständig machen konnte. Die Spanier waren begeistert, wieder Konzerte deutscher Künstler zu haben, und ich war glücklich, durch private Initiative kulturelle 'Pionierarbeit' leisten zu können.
Wir haben Tourneen durch ganz Spanien durchgeführt, auch mit großen Orchestern und Chören. Höhepunkte waren z. B. die Aufführungen der Matthäuspassion von Bach in Barcelona, die Erstaufführung der h-Moll Messe von Bach in Madrid und die Teilnahme an den Musikfesten in Sevilla. Jede größere Tournee war ein Abenteuer und ein finanzielles Risiko. Die Straßenverhältnisse in Spanien waren noch katastrophal, die Unterbringung der Musiker problematisch, als Konzertsäle standen meist nur Kinos zur Verfügung (lediglich Bilbao und Barcelona hatten eigene Konzertsäle!).
Staatliche Zuschüsse haben wir nie bekommen; es gab ja noch keine auswärtige Kulturpolitik in der Bundesrepublik. Das war eine schwierige, aber sehr schöne, interessante Zeit.
1960 wurde auch Andrea geboren. Ich war schon über 40 und war eigentlich überrascht, noch so ein "Geschenk" vom Leben zu bekommen. Die folgenden Jahre, zusammen mit "dem Kind mit den blauen Augen" – wie die Spanier sie nannten – , waren wohl die schönsten meines Lebens. Ihr verdanke ich auch Sebastian, meinen Enkel und natürlich Mathilda, seine Schwester.
Wenn ich gefragt werde, wie es denn möglich gewesen ist, in so bewegten Zeiten Kind und Beruf unter einen Hut zu bringen, so muss ich Dada erwähnen, die Frau aus dem Erzgebirge, die schon meine Kinderfrau war, meinen Bruder und mich betreut hat und eben jetzt Andrea mit viel Liebe und Herzlichkeit mit mir zusammen aufzog. Wenn ich die heutigen jungen Frauen anschaue, wieviel Mühe sie haben , ihren eigenen Weg zu finden, so denke ich mir: Euch fehlt eben eine Dada, die in vollkommener Selbstlosigkeit mir ihr ganzes Leben zur Seite gestanden hat. Erst kürzlich fand ich Briefe, die in den zwanziger Jahren ein Verlobter an sie schrieb: "Sehr geehrtes, liebes Fräulein…etc". Mir ist wieder einmal klar geworden, dass Dada eigentlich kein Privatleben hatte, sie ist völlig in unserer Familie aufgegangen.
In den siebziger Jahren habe ich wegen Andreas Schuleintritt meinen Wohnsitz wieder nach Deutschland verlegt, ich blieb zwar in engem Kontakt mit Spanien, aber eine Weiterführung der Musikagentur ohne ständige Anwesenheit in Barcelona war unmöglich.
Ich suchte mir also ein neues Betätigungsfeld. Marina Ewald, die Mitbegründerin der Schule Schloss Salem, bot mir sofort Mitarbeit im ZIS-Projekt an, die ich mit großer Freude annahm und bis heute noch wahrnehme. Dass junge Leute selbstständig auf Reisen gehen und sich "erfahren" dürfen, war ein wunderbares pädagogisches Konzept, das mich bei Hunderten von Stipendiaten immer wieder neu begeisterte. In München erhielt ich einen Lehrauftrag für Deutsch und Spanisch an der 'University of Maryland, Munich Campus' für Kinder amerikanischer Diplomaten und Armeeangehöriger. Wenig später kam eine neue Aufgabe hinzu: Das Lewis und Clark College, Portland / Oregon entwickelte in München ein Jahresprogramm: 'Year of Study at the University of Munich' für amerikanische Studenten, die die Münchner Universität besuchen und zusätzlich ein Programm in deutscher Kultur angeboten bekommen. Ich arbeitete von Anfang an in diesem Programm mit bis zum meinem 85.Lebensjahr.
Eigentlich war ich vorher nie Lehrerin gewesen, aber jetzt entdeckte ich ganz unerwartet, wie faszinierend Unterricht sein kann, besonders mit jungen Menschen so um die 20. Diese Faszination hat mich bis heute nicht losgelassen. Man lernt ja als Lehrer so viel und muß sich mit so vielem intensiver beschäftigen, als man das sonst – gerade als älterer Mensch – tun würde.
Der ständige Kontakt mit jungen Menschen führt auch häufig zu einer engeren Bindung, es entstehen oft echte lebenslange Freundschaften, die auch räumliche und zeitliche Trennungen überdauert haben. In diesem Lebensabschnitt, mit Anfang 20, sind die jungen Menschen allem Neuem gegenüber aufgeschlossen und wissbegierig. Ich fand es wunderbar, bei einigen dabei sein zu dürfen, wie sie ihren Lebensweg gesucht und gefunden haben.
Viele Jahre unterrichtete ich im Lewis und Clark Programm Geschichte, Landeskunde und Kunstgeschichte, zeitweise noch Literatur.
Schliesslich habe ich mich mehr und mehr auf die Kunstgeschichte konzentriert, so daß ich bis zu meinem 85.Lebensjahr ausschließlich mit Kunst und Kunstgeschichtlichem zu tun habe. Zweimal in der Woche hielt ich Seminare z. B. zum Thema: 'Die Entwicklung der abendländischen Kunst von den Anfängen bis zur Gegenwart', dazu kommen Führungen in den Museen und Ausstellungen sowie kunsthistorische Reisen in verschiedene deutschsprachige Länder.
Was mich geprägt hat? Das ist schwer zu sagen. Ich hatte eben das große Glück, in meiner Jugend mit bedeutenden Persönlichkeiten in Kontakt gekommen zu sein. In Salem war es neben Kurt Hahn und Marina Ewald vor allem Erich Meissner; in Heidelberg konnte ich noch an den geheimen Sitzungen von dem weltberühmten Philosophen im Keller seines Hauses teilnehmen, in denen er uns in die Grundzüge seiner Philosophie einführte; in Berlin wurde mir duch das Erlebnis einer persönlichen Beziehung zu einem jungen Maler und Bildhauer, Matthias Göritz, die Beschäftigung mit Kunst zu einem großen Anliegen. Später wurde dieser durch seine Arbeiten in Mexico City weltberühmt. Unvergessen natürlich auch die tapfere Nana von Gierke.
Jetzt, mit über 90 Jahren, wenn ich mich an all diese besonderen Menschen erinnere, die meinen Lebensweg gekreuzt haben, bin ich mir bewusst, wieviel Glück, neben viel Traurigem, ich doch auch gehabt habe. Wie besonders doch dieses Geschenk des Lebens ist, hat Thomas Mann im "Zauberberg" einmal so ausgedrückt:
"Der Mensch soll um der Liebe und Güte willen, dem Tod keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken!"
in diesem Sinne
Eure Liane
Diese Zusammenfassung stützt sich auf das Buch von Christine Swientek: "Zu Besuch bei alten Damen"